Deine Rolle im Kreißsaal: Wie du als Partner zur echten Stütze wirst

Lieber Mann, lieber Begleiter,

ich lade dich ein, dir gleich zu Beginn die eine entscheidende Frage zu stellen: Willst du ein unsicherer, ja vielleicht sogar störender Geburtsbegleiter sein? Oder ist es dir lieber, du stärkst deiner Partnerin den Rücken, bist voll und ganz für sie da, kennst deine Rolle auf eurer Geburtsreise und weißt ebenso um deine eigenen Grenzen?

Wenn deine Antworten auf diese Fragen erst NEIN und dann JA lauten – und zwar genau in dieser Reihenfolge –, dann lies jetzt gern weiter. Die folgenden Tipps und Hinweise – die ich gemeinsam mit dem ehemaligen Hamburger Chefarzt, Gynäkologen und Psychotherapeuten Dr. Wolf Lütje zusammengetragen habe – helfen dir dabei, deiner tragenden Rolle während der Geburt wirklich gerecht zu werden.

Die goldene Regel: die Frau im Ausnahmezustand

Unter der Geburt wirst du mit ziemlich großer Sicherheit eine Frau erleben, die eine andere ist, als du sie sonst kennst. Die Intensität der Wellen (= Wehen. Aber: Wir sagen gern „Wellen“, da sie weniger mit Schmerz in Verbindung gebracht werden und auch die Wortwahl eine entscheidende Rolle im Geburtsprozess spielen kann!) verändert das Verhalten, die Sprache und die Reaktionen von ihr. Merk dir für diese Stunden: Für die Gebärende ist absolut alles erlaubt. Respektiere das ohne Wenn und Aber. Deine allerwichtigste Aufgabe lautet schlicht: Störe sie nicht beim Gebären.

Der Weg ist hierbei das Ziel. Halte dich im Hintergrund und lenke sie nicht ab – weder mit unnötigen Fragen noch mit ungebetenen Berührungen. Sprich nur, wenn es absolut notwendig ist, und frage sie nur das Nötigste. Oftmals ist allein deine stille, feste Anwesenheit schon Hilfe und Sicherheit genug. Reagiere feinfühlig auf ihre Wünsche. Wenn sie diese selbst nicht mehr formulieren kann oder möchte, hilf ihr dabei, ihnen eine Stimme zu verleihen. Respektiere jede ihrer Entscheidungen.

„Werkzeugkoffer“ weglegen und beobachten

Für viele Männer ist das der schwerste Part: Hänge den „Werkzeugkoffer“ gedanklich an die Wand. Bei einer Geburt gibt es für dich akut nichts rational zu reparieren oder zu tun. Sie ist kein Projekt, das man aktiv steuern kann. Beobachte stattdessen aufmerksam die Zusammenarbeit zwischen der Hebamme und deiner Frau bzw. zwischen ihr und eurem Baby und halte dich im geschützten Raum am Kopfende deiner Partnerin auf.

Ein ganz praktischer Rat für die Intimität dieses Moments: Wenn es im Vorfeld nicht ausdrücklich anders besprochen wurde, fotografiere die Geburt bitte nur mit deinen eigenen Augen. So bleibt dieser magische Augenblick ein absolut intimer Moment zwischen euch, der nicht durch eine Kameralinse entwertet wird.

Selbstfürsorge und die eigenen Grenzen

Du kannst nur dann eine Stütze sein, wenn du selbst noch Kraft hast. Sorge deshalb gut für dich selbst. Deine Frau und das geburtshilfliche Team haben in diesen Momenten keine Kapazitäten, sich um dein Wohlbefinden zu kümmern. Falls ihr eine Doula an eurer Seite habt, ist diese nach vorheriger Absprache im Zweifel auch für dich da und reicht dir die Hand.

Solltest du an einen Punkt kommen, an dem du merkst, dass du physisch oder psychisch absolut nicht mehr kannst: Geh kurz raus. Das ist völlig okay. Du bist nicht der Erste, der diesen Raum für einen Moment verlassen muss. Kurz nicht im Raum zu sein, ist weder lieblos noch feige, sondern in diesem Moment schlicht sinnvoll, um die eigene Ohnmacht nicht auf die Gebärende zu übertragen.

Mut zur Ohnmacht und starker Rückhalt

Eine Geburt fordert auch von den Begleitenden mentale Höchstleistungen. Halte die Gefühle von Hilflosigkeit, Angst und Ohnmacht aus und übe dich am besten schon im Vorfeld darin, diese Emotionen anzunehmen. Gleichzeitig ist deine Löwenkraft gefragt, wenn es um das Außen geht: Tritt bestimmt und klar für deine Frau ein, falls sie im Kreißsaal Respektlosigkeit erfahren sollte. Du – oder ggf. eine Doula – bist ihr Fels in der Brandung.

Am Ende gilt: Man kann als Geburtsbegleiter nicht versagen – es sei denn, man missachtet die Grundregeln des Respekts und der Zurückhaltung.

Deine Aufgabe endet übrigens nicht mit dem ersten Schrei des Babys. Wenn es nötig ist, hilf deiner Frau auch später dabei, die Geburt emotional aufzuarbeiten. Als anwesende Person, die das Geschehen mit Abstand und im Ganzen miterlebt hat, bist du für sie der wichtigste Zeuge und Hüter ihrer Geburtsreise.

All diese Punkte sind wirklich wichtig. Aus unserer Erfahrung haben sie für sehr viele Paare und Geburten Gültigkeit. Nichtsdestotrotz ist jede Schwangere, jede Geburt und jedes Paar höchst individuell und unsere Tipps entbinden dich nicht von der Aufgabe, dich im Vorfeld mit dem Thema Geburt auseinanderzusetzen. Vor allem, wenn ihr plant, dass du dabei bist. Denn auch das darf in Frage gestellt werden. Es ist also unabdingbar, dass ihr euch als Paar vorbereitet. Ein Partnerabend bei einem klassischen Geburtsvorbereitungskurs kann ein guter Einstieg sein. Er reicht aber selten aus! Holt euch jemanden an eure Seite, der euch in dieser Zeit begleitet, zum Beispiel eine Doula, und mit euch Dinge wie die individuelle Geburtsplanung durchspricht. Es lohnt sich, denn es ist wahnsinnig wichtig, dass Frau und Baby eine gute Geburt erleben!

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